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Carme Pinós

Blickpunkt: Architektinnen – Carme Pinós

In unserer Serie "Blickpunkt: Architektinnen" stellen wir Ihnen in regelmäßiger Folge das Werk von Architektinnen vor – wie das von Carme Pinós, die mit ihren Gebäuden und Möbelentwürfen nach einem ganz individuellen Ausdruck sucht.
von Alexander Russ | 24.03.2025

Als gebaute Landschaften könnte man die Gebäude von Carme Pinós bezeichnen. Die vielfach ausgezeichnete katalanische Architektin hat an den renommiertesten Schulen unterrichtet, sei es die Kunstakademie in Düsseldorf, die Columbia University in New York oder die Harvard University in Cambridge. Für ihre Arbeit erhielt sie 2021 unter anderem den Premio Nacional de Arquitectura de España, den wichtigsten spanischen Architekturpreis. Pinós wurde 1954 in Barcelona geboren, wo sie ab 1979 an der Hochschule Escuela Técnica Superior de Arquitectura studierte. Später eröffnete sie ihr Büro in der spanischen Metropole.

Entsprechend geprägt ist die Architektin von ihrer Geburtsstadt und vor allem vom großen Baukünstler Antonio Gaudí, über den sie in einem Interview mit der Bauhaus Kooperation sagt: "Der katalanische Modernismo und vor allem Gaudí standen zu den Zeiten, in denen ich in Barcelona studierte, nicht so im Fokus der Öffentlichkeit, wie dies heutzutage der Fall ist. Dafür konnten diejenigen, die daran interessiert waren, diese Architektur auf eine sehr viel intimere Weise genießen. Ich bin sicher, dass der Exhibitionismus dieser Tage viele Studenten von Gaudí und seinen Werken sehr viel weiter entfernt. Wir studierten und besichtigten sie mit Begeisterung und einer gewissen Abenteuerlust, da die Gebäude im Allgemeinen nicht besucht wurden und sogar zum Teil halb verlassen waren, wie die Krypta der Colònia Güell."

Escola Massana, Art and Design Center

Zusammenarbeit mit Enric Miralles

1984 gründete Pinós ein Büro in Partnerschaft mit ihrem damaligen Ehemann Enric Miralles, den sie während des Studiums kennengelernt hatte. Spanien ließ in dieser Zeit die Diktatur des Franco-Regimes hinter sich und entwickelte sich zur Demokratie. Die Aufbruchsstimmung zeigt sich auch in den Projekten von Pinós und Miralles, darunter der Friedhof von Igualada, der auf einen Wettbewerbsgewinn im Jahr 1985 zurückgeht. Hier wird schon früh der Ansatz deutlich, die Landschaft als Inspirationsquelle zu nutzen. In der etwa 70 Kilometer nordwestlich von Barcelona gelegenen mittelgroßen Stadt Igualada erweiterten die beiden den alten Friedhof im Stadtzentrum, indem sie ihn außerhalb der Stadt weiterführten.

Im Unterschied zum Bestand mit seiner klösterlich strengen Anordnung, verbindet sich der neue Friedhof mit der hügeligen Topografie und gräbt sich geradezu in sie hinein. Die einzelnen Bauten setzen sich aus 240 Grüften, einer Kapelle, einem Obduktionsraum und verschiedenen Technikräumen zusammen. Sie formen eine artifizielle Landschaft aus Naturstein und Betonteilen, die mit dem hügeligen Gelände und dem daran angrenzenden Fluss verschmilzt. So geht etwa das mit Erde und Gras bedeckte Dach der Kapelle scheinbar nahtlos in einen benachbarten Hügel über, während die in der Höhe gestaffelten Grüfte als Nischen aus Betonstützmauern herausgestanzt sind.

CaixaForum Zaragoza

Estudio Carme Pinós

Noch vor der Fertigstellung des Friedhofs trennte sich das Paar und Pinós machte 1991 mit ihrem eigenen Büro Estudio Carme Pinós weiter. Auch hier entwickelte sie ihre Bauten aus der Umgebung heraus. 1996 gewann sie den Wettbewerb für den Entwurf der Paseo Juan Aparicio in Torrevieja. Hier gestaltetet sie eine Strandpromenade zu einer verkehrsfreien Flaniermeile um und versah sie mit Sitzgelegenheiten inklusive zusätzlicher Bepflanzung. Gleichzeitig ordnete sie neue Wellenbrecher an, die den Zugang zum Meer erleichtern und als eine Art künstlicher Strand dienen. Ein weiteres Projekt ist der Entwurf des Parc De Ses Estacions, ein Park im Zentrum der mallorquinischen Hauptstadt Palma aus dem Jahr 2002, der bereits 2005 wegen der Errichtung eines unterirdischen Bahnhofs wieder rückgebaut wurde. Dazu formte die Architektin sanfte Hügel aus dem eigentlich flachen Grundstück. Die dadurch erzeugten Ruhebereiche boten Schutz vor dem vorbeifließenden Verkehr und korrespondierten mit einer geschwungenen Brücke, verschiedenen wellenförmigen Glasüberdachungen und einem skulpturalen Wasserbecken.

Im Portfolio der Architektin finden sich aber nicht nur landschaftsarchitektonische Projekte, sondern auch konkrete Gebäude. Beispiele sind die Bürohochhäuser Cube 1 und 2 im mexikanischen Guadalajara, die jeweils 2005 und 2014 fertiggestellt wurden. Beide Bauten präsentieren sich als skulpturale Körper, deren Form durch das Tragwerk definiert wird. Bei Cube 1 sind das drei Betonkerne, aus denen die Träger mit den Betonplatten für die Geschosse auskragen. Sie formen ein plastisches Atrium, durch das die Luft zirkulieren kann und das Tageslicht ins Innere bringt. Die Büroräume sind als prägnante Körper in die Struktur eingehängt und werden so von mehreren Seiten belichtet. Auch beim Hochhaus Cube 2 gehen Tragwerk und formaler Ausdruck eine ausdrucksstarke Verbindung ein, wobei der Turm in unmittelbarer Nähe zu zwei anderen Hochhäusern steht und sich so von ihnen abhebt. Das Gebäude beruht auf einem Parallelepiped, das sich aus mehreren Betonschotten zusammensetzt. Grundlage sind zwei Gebäudehälften in Dreiecksform, die ohne Innenstützen auskommen. Das Ergebnis ist eine schlanke Silhouette, die dynamisch in den Stadtraum hineinwirkt.

Cube 1

Barcelona

Projekte von Carme Pinós finden sich auch in ihrer Heimatstadt Barcelona, wo sie mit ihren Gebäuden in einen Dialog mit dem öffentlichen Raum tritt. Ein Beispiel ist eine Überdachung als Erweiterung der Markthalle La Boqueria aus dem Jahr 2015. Sie befindet sich am neu entstandenen, ebenfalls von Pinós gestalteten Plaça de la Gardunya, der zuvor als Parkplatz genutzt wurde. Er liegt nahe der berühmten Promenade La Rambla inmitten von Barcelonas Altstadt. Die neuen Dächer verwandeln den ehemaligen Anlieferungsbereich der Markthalle in ein einladendes Entree. Sie greifen die länglichen Satteldächer des Bestands auf, liegen aber niedriger und setzen sich aus einzelnen Scheiben zusammen, die sich scheinbar schwebend über dem Eingangsbereich der Markthalle aufklappen.

Die Aufwertung der rückseitigen Hallenfassade ist nicht der einzige Eingriff, den Pinós am Plaça de la Gardunya vornahm. Auch der den Platz begrenzende Wohnungsbau im Norden und die gegenüberliegende Escola Massana stammen aus ihrer Feder. Bei Letzterer handelt es sich um eine Kunsthochschule, die sich in zwei zueinander verdrehte Volumina mit eingeschnittenen Loggien unterteilt. Zusammen mit der in Brauntönen gehaltenen Keramikfassade ragt der Bau als prägnante Skulptur in den Platz hinein. Die großen Keramikelemente entwickelte Pinós zusammen mit dem Traditionshersteller Ceràmica Cumella, der schon mit Antonio Gaudí zusammenarbeitete. Die handwerklich gefertigten Elemente erzeugen aufgrund ihrer kleinen Unvollkommenheiten ein lebendiges Erscheinungsbild. Die Fassade umhüllt die expressive Form und wirkt vom Platz aus betrachtet geschlossen. Im Innern bietet sie allerdings einen freien Ausblick. So schützt sie einerseits die Privatsphäre der StudentInnen, die andererseits in einen Austausch mit dem Stadtraum treten können.

MPavilion

Objects by Estudio Carme Pinós

Bereits 2012 gründete Pinós ihre eigene Möbelfirma Objects by Estudio Carme Pinós. Die einzelnen Produkte verkauft sie über ihre eigene Website. Sie sollen bezahlbar und trotzdem hochwertig gefertigt sein. Damit das möglich ist, hält sie die Herstellung und die damit verknüpften Prozesse möglichst einfach. Drei Zulieferer kümmern sich um die Metall-, Holz- und Lackierarbeiten, den Rest übernimmt sie selbst. Ihre Möbel versteht Pinós als Fortführung ihrer Arbeit als Architektin. Den spielerischen, ausdruckstarken Ansatz ihrer Gebäude übersetzt sie hier in eine hohe Flexibilität. Sie soll den NutzerInnen die Möglichkeit geben, die jeweiligen Möbel unterschiedlich zu konfigurieren, um so verschiedene Ausdrucksformen zu ermöglichen. Die einzelnen Objekte reichen von Regalkonsolen über Hängeschränke bis hin zu Beistellmöbeln wie Hocker und Tische. Sie bilden noch einmal die individuelle Haltung von Pinós ab, die über sich selbst in einem Interview mit Barcelona Metròpolis sagt: "Ich arbeite immer sehr frei. Ich analysiere mich nicht, ich suche nicht nach Referenzen. Das ist der Rat, den ich jungen Architekten geben würde: Analysiert euch nicht und vergleicht euch nicht mit anderen."

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